Organizing / Kampagnen

Erfahrungen aus erfolgreichen betrieblichen Kampagnen

Kampagnen sind ein höchst flexibles Instrument gewerkschaftlicher Interessenvertretung. Immer mehr Aktive greifen auf Kampagnen zurück, um das Repertoire gewerkschaftlicher Handlungsmöglichkeiten zu erweitern. In den vergangenen Jahren und über eine Vielzahl unterschiedlichster Kampagnen hat sich ein reicher Erfahrungsschatz angesammelt. Was Anfang der 90er Jahre noch oft wie Theorie klang, kann mittlerweile mit Erfahrungen und Beispielen aus der Praxis untermauert werden: Gewerkschaften gewinnen mit dem Instrument Kampagnen Handlungsspielräume zurück, die sie durch die Entwicklungen in der Arbeitswelt verloren haben. Aber nicht nur Defizite werden aufgefangen. Auch neue Möglichkeiten gewerkschaftspolitischen Engagements tun sich auf - unter der Voraussetzung, dass die Kampagnenarbeit verbunden ist mit einer bewussten Öffnung hin zu den sozialen Bewegungen und zur Gesellschaft überhaupt.

Kampagnen sind auch dort anwendbar, wo die traditionellen Formen der Interessenwahrnehmung (das Betriebsverfassungsgesetz oder das Personalvertretungsgesetz, die Tarifauseinandersetzung oder auch die Kampfform Streik) nicht mehr greifen oder nicht ausreichen. So können Druck-Kampagnen auch dort funktionieren, wo der Organisationsgrad extrem gering ist (Schlecker-Kampagne), wo Streiks ausgeschlossen sind oder wo die Schließung eines Betriebes droht und Streiks deshalb unangebracht sind (Quelle-Schöpflin-Kampagne). Mit Kampagnen können andererseits aber auch Streiks vorbereitet und ihre Intensität verstärkt werden. (Beispiel Nanz-Edeka-Konflikt: 150 Beschäftige traten bei Edeka erst dann in Streik, als in der Bevölkerung der Rhein-Neckar-Region eine breite Unterstützung aufgebaut worden war.) Auch Tarifrunden können mit Kampagnen schon im Vorfeld vorbereitet und damit die Ausgangsbedingungen für die Tarifrunde verbessert werden.

Vom Kleinen zum Großen - vom Betrieb zur bundesweiten Kampagne

Die Basiseinheit jeder erfolgreichen Kampagne bleibt der Betrieb. Nur wenn die Kampagne im Betrieb verankert ist , kann sie nachhaltig erfolgreich sein.

Die Nachhaltigkeit orientiert sich an vier Zielen: 1. Von den Aktiven werden organisatorische Kompetenzen erworben (z.B. Pressearbeit), die für zukünftige Kampagnen und Auseinandersetzungen genutzt werden können. Die Handlungsfähigkeit von Betriebs- und Personalrat sowie des gewerkschaftlichen Apparates wird erweitert. 2. Das Bewusstsein der Handlungsfähigkeit wächst, Ohnmachtsgefühle werden überwunden, persönliche Stärke gewonnen. 3. Wo mit Sozialen Netzwerken gearbeitet wurde, kann dieses häufig bei einem anderen Konflikt reaktiviert werden (wenn auch zumeist in veränderter Form). 4. Wo der Konflikt auf der betrieblichen Ebene eine Verankerung erfährt, können direkt neue Mitglieder gewonnen werden.

Bisweilen genügt es aber nicht, eine Kampagne nur auf einen Standort beschränkt zu führen. Und überhaupt sollte vermieden werden, dass Betriebe alleine kämpfen und dann - oft genug - auch alleine untergehen. Kampagnen sind in hohem Maße dazu geeignet, mehrere Standorte eines Unternehmens oder einer Branche mit einzubeziehen. Auch ist es möglich, selbst Betriebe aus unterschiedlichen Branchen in einer Kampagne zusammenzubringen, wenn diese ein gemeinsames Konfliktthema wie z.B. Privatisierung oder outsourcing haben.

Bei diesen etwas komplexeren Kampagnenkompositionen sind zwei Dinge zu berücksichtigen: Die Betriebe in den verschiedenen Standorten arbeiten häufig mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. Dabei ist es in der Regel nicht notwendig, dass alle Standorte eines Unternehmens aktiv sein müssen. Exemplarisch sollten aber - abhängig von der Art und Größe des Betriebs - mindestens fünf Standorte in möglichst unterschiedlichen Bezirken einbezogen sein. Bundesweite so genannte flächendeckende Aktivitäten wären häufig wünschenswert, theoretisch erscheinen sie auch möglich, praktisch jedoch tauchen (fast) immer gravierende Schwierigkeiten auf. Dann soll sich aber dennoch niemand davon abhalten lassen, aktiv zu werden, denn schon die Beteiligung eines Teils der Standorte in einem Unternehmen kann innerhalb des Unternehmens und bei den Medien - und übrigens auch innerhalb der Gewerkschaft - für viel Wirbel sorgen.

Formen der Eskalation

Ziel der Kampagnenarbeit ist immer die Handlungsfähigkeit. Und Handlungsfähigkeit meint in Gewerkschaften immer auch Aufbau von Druckpotenzial. Die Erhöhung des Druckpotenzials kann in mindestens drei Richtungen stattfinden. Zunächst einmal lassen sich die Aktionsformen allmählich steigern und damit der Druck erhöhen. Zum zweiten können immer mehr Standorte eines Unternehmens oder einer Institution in der Region oder auch auf der Bundesebene mit einbezogen werden. Hat das Unternehmen nur einen Standort können über eine so genannte "indirekte Strategie" auch Zulieferer und Kunden in die Aktivitäten einbezogen werden. Die kontinuierliche Erweiterung der aktiven bzw. einbezogenen Standorte kann auch die nationalen Grenzen überschreiten und im internationalen Kontext wirksam werden (Brylane-Kampagne). Eine dritte Möglichkeit zu eskalieren, ist die Einbeziehung von neuen Akteursgruppen - seien es Kunden, Soziale Netzwerke, regionale Bevölkerungen usw.

Allein diese letzte Eskalationsstufe enthält ein Mobilisierung- und Druckpotenzial, das bislang kaum erkannt worden ist. Unerfahrenheit in der Ansprache und Mobilisierung nicht-gewerkschaftlicher Milieus, Begrenzungen der eigenen Arbeitskapazitäten und Ressourcen sind Gründe dafür. Auch die geringe Erfahrung damit, gewerkschaftliche Themen zu "vergesellschaften", spielt eine Rolle, das heißt: der Bevölkerung verständlich machen, warum auch für sie das Thema Tarifautonomie oder Ladenschluss von persönlicher Bedeutung ist. Immer wenn es darüber hinaus gelingt, das Thema in einen menschenrechtlichen Zusammenhang zu stellen, kann der Funke zünden.

Um Kampagnen zum Erfolg zu führen sind eine Vielzahl von Voraussetzungen und Planungsschritte zu beherzigen. Auch wenn keine Kampagne der anderen gleicht, so gibt es doch immer wiederkehrende Elemente und Probleme. Im Zusammenhang mit der Gesundheitskampagne, wie sie zwischen 2002-2003 von ver.di im großen Maßstab unternommen wurde, sind von ORKA in Anlehnung an den US-amerikanischen Campaigner Saul Alinsky folgende wichtige Regeln zusammengetragen worden.

Leitregeln erfolgreicher gewerkschaftlicher Kampagnenarbeit

(vgl.: AUS:WERTUNG Gesundheitskampagne. Erkenntnisse und Erfahrungen zur Kampagnenarbeit; Hrsg. ver.di,.2004, S.5).

Diese Leitregeln zu beherzigen garantiert noch nicht den Erfolg einer Kampagne, doch schwierig wird es für alle Kampagnen, wenn auch nur eine dieser Hinweise ignoriert wird.

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